Die Sprachlosigkeit einer Umarmung oder Baumwollfaser-Nähe am Morgen

Etwas Mystisches hatte diese Begegnung im Morgengrauen. Sonne und 21 Grad. Menschen passieren Menschen wie Ameisenspuren ziehen sie blicklos aneinander vorbei. Nur eine springt gegen einen anderen, plötzlich, ein Schubser, ein Stoß gegen die Schulter, den runden Rücken und da blickt der Kopf auf, erhebt sich aus einer verschlossenen Abwehrhaltung. Ein zögerliches Lächeln. Dann öffnen sich die Arme und sie fallen automatisiert ineinader, halten inne für Baumwollfaser-Nähe, gleiten sie in eine viel zu lange Umarmung inmitten des Bahnhoftreibens von St. Georg - als sei es im Vorbeigehen passiert und gleichwohl wie ein Zurückfallen in eine Zeit des Entspanntseins, des Fallenlassens, der Projektion des Einanderwollens ihre Körper durchströmt ... und so löst sich auf, was nie ging, die nicht gefundene Form zweier Menschen. Sprachlos, weil es nichts mehr zu sagen gab, kein Aufhänger für etwas Neues, kein Small-Talk über Unnötiges und kein wiederholter Abschied war nötig. Ein Seufzen im Nackenhaar trennt sie schnell und etwas erschrocken wieder voneinander, er läuft rückwärts, sie ist schon auf dem Sprung. Und dann gehen sie von dannen, irritiert ohne sich umzudrehen. Vor Scham vibriert die Brust. Ein Schlucken und die aufkeimende Vorstellung von romantischem Schicksal vergeht im sonnigen Morgengrauen.

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